BLICK zeigt die Alternativen zur 10'000-Franken-Franchise: Das könnte gegen die Kostenexplosion wirklich helfen

Die Chefin der CSS will die Franchise auf 10'000 Franken erhöhen. Der Vorschlag ist radikal, aber klar ist: So wie bisher kann das Kostenwachstum im Gesundheitsbereich nicht weitergehen. BLICK zeigt Ideen, die dem einen Riegel schieben könnten. Die neue Chefin der CSS-Krankenkasse ist mit einem Paukenschlag in ihren Job gestartet: Um die ständig steigenden Kosten im Gesundheitswesen zu bremsen, schlug Philomena Colatrella (49) im SonntagsBlick vor, die Franchise – also die Summe, die Versicherte zunächst einmal aus eigener Tasche zahlen müssen – auf bis zu 10’000 Franken zu erhöhen. Das soll die Eigenverantwortung der Versicherten stärken. Anders gesagt: Wer selber zahlen muss, geht weniger zum Arzt. Colatrella löste mit ihrem provokanten Vorstoss ordentlich Empörung aus. Auch politisch ist die Idee wohl chancenlos, wie eine Umfrage unter Gesundheitspolitikern zeigt (BLICK berichtete). Doch ist auch allen klar, dass die Kosten im ohnehin schon teuren Schweizer Gesundheitssystem nicht weiter steigen dürfen. Sonst droht der Kollaps. Gesundheitsminister Alain Berset (46) hat daher 2016 eine internationale Expertengruppe unter der Führung von alt Ständerätin Verena Diener (69) eingesetzt. Diese erarbeitete 38 Massnahmen, mit denen das Kostenwachstum gebremst werden soll. BLICK zeigt die nützlichsten Vorschläge. 1. Eine Kostenbremse Die Experten schlagen vor, dass die Politik jeweils festlegt, um wie viel die Kosten im kommenden Jahr steigen dürfen. Zum Beispiel: Die Gesamtkosten für Spitäler dürfen nur um 1,2 Prozent steigen. Oder: Die Summe aller von den Krankenkassen vergüteten Medikamenten darf nicht mehr als 2,4 Prozent höher sein als im Vorjahr. Werden diese Werte überstiegen, drohen Sanktionen. Zum Beispiel werden die Tarife für Ärzte gekürzt oder die Medikamentenpreise gesenkt. Oder aber die Politik gibt Globalbudgets vor und die Branche – Spitäler, Ärzte, Pharma – müssen selber bestimmen, wo und wie sie sparen. Dieser Mechanismus würde eine der fatalsten Logiken im Gesundheitswesen aufbrechen: die Verfolgung von Partikularinteressen. Ärzte, Pharma, Apotheker, Spitäler – sie alle verfolgen das (legitime) Interesse, möglichst viel Geld zu verdienen. Könnte das durchbrochen werden, würde das laut der Expertengruppe zu einer „bedeutenden finanziellen Entlastung führen». Dafür müsste das Gesetz geändert werden. Politisch umstritten dürften drei Punkte sein: Wie berechnet man das zulässige Wachstum? Anhand des Bruttoinlandprodukts? Oder anhand des Lohnwachstums? Wie viel Autonomie gibt man den Leistungserbringern, selbst darüber zu entscheiden, wie und wo gespart wird? Wie stellt man sicher, dass nicht auf dem Buckel der Patienten gespart wird? 2. Weniger Spitäler Spitäler sind teuer – und in der Schweiz gibt es zu viele. Die Kantone haben die Spitalregionen sehr kleinräumig definiert. Kosten könnten gespart werden, wenn sie die Spitallandschaft gemeinsam planen würden. Zumal heute sowieso jeder Patient sein Spital selbst wählen darf – schweizweit. Bersets Experten schlagen deshalb vor, sechs Spitalregionen zu definieren, anstatt jeden Kanton selbst planen zu lassen. Das würde richtig einschenken: Mittelfristig wäre mit jährlichen Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich zu rechnen. Damit das realisiert werden kann, müssten aber die Kantone über ihren Schatten springen. Denn Spitäler sind zwar teuer, bieten aber auch hochqualifizierte Arbeitsplätze und Einnahmen für den Kanton – über Steuern und Gewinne, wenn das Spital dem Kanton gehört. Auch in der Bevölkerung sind Spitalschliessungen sehr unbeliebt. Lange galt das Sprichwort: Ein Gesundheitsdirektor, der ein Spital schliesst, muss gar nicht mehr zur nächsten Wahl antreten. 3. Weniger unnötige Eingriffe In der Schweiz wird gern und viel operiert. Bei Kaiserschnitten, Prostata-Entfernungen und beim Einsatz von Knie- und Hüftprothesen liegt die Schweiz bis zu 20 Prozent über dem Durchschnitt der Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Auch Kreuzband-OPs und chirurgische Eingriffe, die oft gar nicht nötig sind, werden überdurchschnittlich oft durchgeführt. Diesen Kostentreiber könnte man auf verschiedene Weisen angehen: Entweder, indem man die Ärzte verpflichtet, die Eingriffe besser zu begründen, damit sie von der Kasse auch übernommen werden. Oder aber, indem man eine Zweitmeinung obligatorisch erklärt. Es müssten also zwei Ärzte für eine Operation sein, damit diese durchgeführt wird. Damit, so sind Bersets Experten überzeugt, könnten jährlich immerhin zweistellige Millionenbeträge eingespart werden. Nur: Die Umgehung solcher Regelungen könnte kaum kontrolliert werden. Und letztlich ist es auch eine Frage der Patientenansprüche. Wer nimmt schon kleine Einschränkungen in Kauf, wenn man diese mit einer neuen Hüfte oder einem neuen Knie loswerden kann? 4. Billigere Medikamente durch mehr Generika Medikamente sind teuer in der Schweiz – nicht nur Originalpräparate, sondern auch Generika. Diese sind hierzulande doppelt so teuer wie in den neun vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei der Preisfestsetzung hinzugezogenen Vergleichsländern. Die Experten schlagen vor, ein Referenzpreissystem einzuführen: Für Medikamente, bei denen das Patent abgelaufen ist, würde der Bundesrat einen Höchstpreis festsetzen. Will ein Patient ein teureres Präparat, muss er die Differenz selbst berappen. Die Experten schlagen zudem vor, dass Ärzte und Apotheker zulasten der Krankenversicherung eigentlich nur noch günstige Generika verschreiben dürfen. Treffen dürfte das vor allem die Versicherten, die den Aufpreis zahlen müssten. Aber auch die Pharma-Branche rebelliert gegen den Vorschlag. 5. Managed Care Kosten liessen sich auch sparen, wenn die Versorgung der Patienten besser koordiniert würde. Etwa, wenn jeder immer erst zum Hausarzt muss und nicht direkt zum Spezialisten geht. Damit liessen sich unnötige oder mehrfache Behandlungen vermeiden – etwa, weil der Spezialist nicht noch mal die gleichen Untersuchungen machen muss. Aber diese Idee dürfte es schwer haben: 2012 lehnte die Stimmbevölkerung eine solche Vorlage des damaligen Gesundheitsministers Didier Burkhalter (57) wuchtig ab.

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