Katastrophale Luftwerte: "Tennis gefährdet Ihre Gesundheit": Eigentlich müssten die Australian Open abgesagt werden

Wenigstens hat es am Mittwoch endlich mal geregnet. Heftige Niederschläge gingen über dem Melbourne Park nieder. Die Qualifikationsspiele für die Australian Open wurden unterbrochen, nachdem sie zuvor wegen schlechter Luft als Folge der verheerenden Buschbrände in Australien erst mit drei Stunden Verspätung wieder begonnen worden waren. Inzwischen haben die Spieler ihre Matches wieder aufgenommen.In diesem Jahr müsste das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres eigentlich mit einem Warnhinweis wie auf Zigarettenpackungen daherkommen: “Tennis gefährdet Ihre Gesundheit.” Das gilt einerseits für die Fans, die laut Anweisung der städtischen Behörden lieber zuhause bleiben und die Fenster schließen sollten, und andererseits natürlich erst recht für die Spieler.Australian Open: Dicke Luft wäre untertriebenWährend der Qualifikation zur Hauptrunde, die bereits seit Tagen in vollem Gange ist, lag die Anlage bisweilen unter einer dichten Rauchwolke. Zwar wüten die Feuer in mehreren Hundert Kilometern Entfernung, aber der Wind begünstigte seit dem vergangenen Wochenende die heftigen Bedingungen. Laut Sport-Informations-Dienst (SID) lag die Feinstaubbelastung in der Spitze bei 393 Mikrogramm – zum Vergleich: Der am stärksten belastete Verkehrspunkt, die Stuttgarter Messstelle am Neckartor, weist 37 Mikrogramm nach.Die Folgen dieser katastrophalen Luftwerte sind offenkundig: Die slowenische Qualifikantin Dalila Jakupovic musste ihr Match gegen Stefanie Vögele aus der Schweiz im zweiten Satz wegen Atemproblemen und Hustenattacken abbrechen und konnte den Platz nur unter Hilfestellung verlassen.Tennis und Rauch 1135Eugenie Bouchard klagte über Beschwerden, musste sich behandeln lassen und hatte das Gefühl, “dass die Bedingungen sich während des Matches nochmals verschlechtert haben.” Auch andere prominente Spieler wie Bernard Tomic litten an Atemproblemen auf dem Platz.Qualifikant Brayden Schnur gewann zwar gegen den Österreicher Sebastian Hoffner, hatte aber nach eigenen Angaben das Gefühl, während der Partie eine Zigarette geraucht zu haben. Er wagte sich auch das Unsagbare auszusprechen, als er die Ikonen Roger Federer und Rafael Nadal explizit kritisierte, zu wenig Haltung zum Thema zu zeigen: “Die beiden sind zu selbstsüchtig und denken nur an sich. Sie stehen kurz vor dem Ende ihrer Karriere und denken nur noch an ihr Vermächtnis, aber nicht mehr an den Sport an sich. Sie engagieren sich nicht dafür, was gut für den Sport wäre. Diese Jungs müssten jetzt ihre Stimme erheben.”Später ruderte Schnur zwar via Twitter zurück, entschuldigte sich für die Wortwahl und dass seine Aussagen teilweise aus dem Zusammenhang gerissen worden seien, untermauerte aber die Meinung, dass der Tennissport gerade jetzt starke Leader und eine richtige Gewerkschaft der Spieler braucht. Nur so könne man sich gegen Turnierverantwortlichen besser positionieren.Das Turnier macht 232 Millionen Euro UmsatzDenn es verhärtet sich seit Tagen der Eindruck, dass die Australian Open eigentlich abgesagt werden müssten – beziehungsweise verschoben. In seiner Funktion als Präsident des Players Councils brachte Novak Djokovic diese Option bereits vorsichtig ins Spiel: “Man muss darüber nachdenken, auch wenn es die allerletzte Option ist.”Allein: Die Ausrichter der Australian Open, die immerhin im vergangenen Jahr 232 Millionen Euro umgesetzt haben und das größte Sportereignis des Landes sind, winden sich bisher bloß hilflos in ihrer Überforderung – oder doch in zynischer Absicht? Seit Beginn der Qualifikation, als über die offiziellen Kanäle noch versichert wurde, dass die Gesundheit von Spielern, Fans und Turnierteam Priorität hätten, ziehen sie das Programm trotz Warnungen von Behörden und Medizinern – und abgesehen von ein paar unausweichlichen Unterbrechungen – stoisch durch.Wut und Verzweiflung: Die mysteriöse Krise des Alexander Zverev 20.15Sehr zu Verwunderung vieler Beobachter: “Je nach Veranlagung kann eine hohe sportliche Belastung im Freien bei diesen Bedingungen zu chronischen Symptomen und Erkrankungen führen”, hat Lungenspezialist Dr. Elmar Storck dem SID erklärt. Er würde deshalb dort nicht spielen, so der Arzt weiter, da Leistungssportler durch schnelle und kurze Atmung Tausende Liter Luft mehr in ihre Lungen ventilieren würden als normale Menschen.Die von Storck vorgeschlagene Verlegung in die Halle ist praktisch aber auch nicht umzusetzen, weil die Entlüftung auf den nahe gelegenen Hallenplätzen permanent offen sei und der Rauch sich in den Hallen hartnäckig festgesetzt habe: “Dort sind die Bedingungen noch schlimmer als draußen”, so der britische Spieler Jay Clarke.Und so wird das Turnier wohl trotz aller Widrigkeiten seinen Lauf nehmen und ab Montag mit dem Hauptfeld starten. Für Tennisfans in aller Welt theoretisch ein Grund zu großer Freude, gehören die Australian Open neben den French Open, Wimbledon und den US Open doch zu den vier großen Höhepunkten der Saison – praktisch wecken die Bedingungen jedoch böse Erinnerungen an die Leichtathletik-WM in Katar im vergangenen Jahr, wo die Hitze teilweise gesundheitsgefährdende Ausmaße angenommen hatte.”Wir haben keine andere Wahl”Die Veranstalter werden weiter auf mehr Regen hoffen, nach Möglichkeit aber keine Termine verschieben – so viel scheint sicher. Und die Spieler werden antreten. “Wir haben keine andere Wahl”, hat Dalila Jakupovic nach ihrem Match gesagt. Wobei, mal ganz naiv gedacht: Wenn sich die Profis geschlossen weigern würden, unter diesen Umständen zu spielen, würde das Turnier schlicht nicht stattfinden können. Diese Macht hätte die Spielervereinigung schon, rein theoretisch.Es wäre ein Statement gegen die gesundheitsgefährdende Rücksichtlosigkeit der gierigen Gelddruckmaschine namens Profisport. Aber dazu reichen nun mal nicht bloß die Stimmen einer Jakupovic oder eines Brayden Schnur. Es bräuchte eben auch die von Federer und Nadal.

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