Kleines Büsi, grosses Leid: Mit Kastrationspflicht gegen Katzenjammer

Unzählige verwaiste Katzen: Die Schweiz hat ein Streunerproblem. Jetzt fordern Tierschützer eine Kastrationspflicht. Besuch in einer Auffangstation. Vorsichtig wickelt Vreni Loosli (64) ein winziges Kätzchen in ein Tuch. Acht Tage alt ist es, der Kopf kaum grösser als Looslis Daumen. Die zierliche Frau mit den raspelkurzen Haaren seufzt, während sie ihrem jüngsten Sorgenkätzchen vorsichtig die Spritze mit der Milch zwischen die Zähne schiebt. Es heisse immer, die Katzen im Ausland leiden. Aber in der Schweiz sei es genauso schlimm: “Das Elend ist riesig.» Auffangstationen und Tierheime sind überfüllt, beim Tierschutz gehen täglich Meldungen von verwaisten und verwilderten Katzen ein. “Diese Katzen hätten nie geboren werden sollen», sagt Vreni Loosli. In Courchavon JU führt die pensionierte Krankenschwester seit zehn Jahren eine private Katzenauffangstation. Seither ist sie keinen Tag mehr weg gewesen. Hat sie die einen Kätzchen aufgepäppelt, kommen schon die nächsten rein. Hunderte im Jahr. Katzen, die sonst der Fuchs geholt, die Seuche oder das Gewehr getötet hätten. 1,4 Millionen Katzen in unseren Stuben Bis zu 300’000 streunende Katzen leben hierzulande, viele davon ausgehungert, krank und dreckig. Auf Bauernhöfen, verlassenen Arealen. Dort vermehren sich Katzen wie Krankheiten schnell. Einige der geretteten Büsi in der Auffangstation haben verklebte Augen. Viele leiden an Katzenschnupfen, manche an schlimmeren Infektionen, wenn sie hier ankommen. Loosli impft und entwurmt sie, verabreicht Medikamente. Nicht alle überleben. Auch an diesem Tag muss eines der Kätzchen sein Leben lassen. Um das Leid zu beenden, gebe es nur eines, sagt Loosli: kastrieren. Zwar sind Tierhalter bereits rechtlich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich ihre Büsi nicht übermässig vermehren. Doch noch immer ist es vielen Haltern und Landwirten zu teuer oder zu unwichtig, die Tiere kastrieren zu lassen. Deshalb fordert die Tierschutzorganisation Network for Animal Protection in einer Petition vom Juni, eine gesetzlich verankerte Kastrationspflicht für alle Katzen, die regelmässig im Freien sind. 1,4 Millionen Samtpfoten schnurren in Schweizer Stuben. Drei von vier sind Freigänger. Und längst sind nicht alle kastriert. So sorgen sie für noch mehr Nachwuchs in den Streunerkolonien. Und rund 10000 Katzen gehen jedes Jahr verloren und verwildern selbst. Büsi werden weniger krank, sind entspannter und verschmuster Jetzt wollen der Bund, die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) und der Schweizer Tierschutz mit Sensibilisierung gegen den Katzenjammer angehen und lancieren eine neue Kampagne: “Luna & Filou» zeigt Vorteile einer Kastration auf. Die Gegenargumente: Kas­trierte Katzen jagen weniger Mäuse, werden dick. Und eine Kätzin, die nie Junge geboren habe, trage einen Schaden davon. Alles Vorurteile, sagen Tierärzte. “Das Jagdverhalten ist unabhängig von Geschlechtshormonen», sagt Marie Müller, Vorstandsmitglied der Fachsektion Kleintiermedizin der GST. Die Kastration beeinflusse zwar den Stoffwechsel der Tiere, dick würden sie aber nur bei falscher Fütterung. Und es schade einer Kätzin weder psychisch noch körperlich, wenn sie keinen Nachwuchs bekomme. Weil kastrierte Tiere durch das Wegfallen der Partnersuche weniger streunen und kämpfen, sind Verletzungen und Weglaufen gar seltener. Die Büsi werden weniger krank, sind entspannter und verschmuster. Und Kater hinterlassen in der Wohnung keine übel riechenden Markierungen mehr.”Es sind einfach zu viele» Vreni Loosli legt das Minikätzchen behutsam zurück in seine Box. Mit Wärmeflaschen simuliert sie die Nähe einer Katzenmutter. Es ist nicht sicher, ob das Kleine überleben wird. Vielleicht aber hat es Glück und wird bald irgendwo auf einem Sofa schnurren. Das Telefon klingelt. “Hier liegen zig verletzte und ausgemergelte Katzen», sagt die Anruferin. Loosli lacht verbittert auf und schielt auf die vielen Büsi: “Es sind einfach zu viele. Das muss endlich aufhören.»

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