Sprint in anderen Sphären: Als Bolt Berlin beben ließ

Michael Johnson saß regungslos da und starrte mit offenem Mund hinunter auf die blaue Bahn im Berliner Olympiastadion.Neben dem US-Superstar über 200 und 400 Meter rasteten die Siebenkampf-Olympiasiegerin Denise Lewis und der frühere Hürden-Weltrekordler Colin Jackson förmlich aus, nur Johnson machte keinen Mucks. Die drei Leichtathletik-Ikonen saßen an jenem Abend des 16. August 2009 im TV-Studio der englischen BBC, als sich Historisches ereignete.Genau um 21.45 Uhr raste Usain Bolt im bis heute unglaublichsten Rennen der 100-Meter-Geschichte zu einem Weltrekord, der die Massen im Stadion und vor den Fernsehgeräten elektrisierte – und manchen einfach sprachlos machte.Usain Bolt: “Das Stadion war elektrisiert”9,58 Sekunden stand auf der Anzeigentafel, daneben ein “WR” für Weltrekord. Der Jamaikaner, ohnehin in einer eigenen Liga laufend, hatte seine Bestzeit noch einmal um elf Hundertstel Sekunden verbessert. “Erst die Stille vor dem Start, dann jubelnde Menschen und ein Meer blitzender Kameras. Das Stadion war elektrisiert, wie aufgeladen. Es waren unwirklich intensive Augenblicke”, erinnert sich Bolt zehn Jahre nach seinem Coup: “Ich habe diese Energie aufgesogen und einfach nur genossen.”Schon vor dem legendären Lauf zeigte er sich wie gewohnt locker, machte einige Mätzchen und schien sich seiner Sache absolut sicher. Zurecht, wie sich zeigte: Tyson Gay, damals als Bolts Widersacher deklariert und ebenfalls in Superform nach Berlin angereist, hatte bei 13 Hundertsteln Rückstand nicht den Hauch einer Chance. Dennoch waren auch seine 9,71 Sekunden US-Rekord.Jubelpose findet weltweite NachahmungIm Ziel angekommen, folgte eine gigantische Stadion-Party mit Maskottchen Berlino. Der Superstar machte die legendäre Blitz-Pose, Berlino und viele Zuschauer machten sie nach. Berlin bebte förmlich. “Mein Trainer wird in meinem Lauf nichts finden, mit dem er unzufrieden ist”, sagte Bolt anschließend – und das, obwohl er sich kurz vor dem Rennen noch eine Portion Chicken McNuggets gegönnt hatte, wie er verriet.Ganze Heerscharen von Biomechanikern machten sich in den Wochen und Monaten nach Bolts Traumlauf daran, das Geheimnis des damals 22-Jährigen zu entschlüsseln. Sie zählten 41 Schritte, maßen eine Endgeschwindigkeit von 44,72 km/h und analysierten den Laufstil des 1,95 Meter großen Sprinters in allen Einzelteilen.DAZN gratis testen und Sport-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE Fußballprofi? Eher ein WerbegagDass Bolts Beine ähnlich einer Lokomotive den Körper nach vorne zogen, dass die Kontaktzeiten seiner Füße auf dem Boden minimal länger waren als bei anderen Sprintern – dies alles sollte als wissenschaftliche Erklärung dessen herhalten, was sich an jenem Abend ereignete. Und doch rätselt die Sportwelt noch immer, ob eine solch eine Leistung ohne leistungsfördernde Mittel überhaupt möglich war. Doch während nahezu alle Weltrekordler vor Bolt früher oder später überführt wurden, blieb die Akte des Jamaikaners bis zum heutigen Tage leer.Seine Leistungen bei der WM von Berlin, inklusive des bis heute gültigen 200-Meter-Weltrekordes (19,19 Sekunden), waren der Höhepunkt von Bolts Karriere. “Ich hatte das Gefühl, dass ich diese Zeiten sogar noch verbessern könnte. Das haben Verletzungen leider verhindert”, sagte der Super-Sprinter, der nach der WM 2017 in London die Laufschuhe einmottete.Seinen Traum als Fußballprofi, den er danach verfolgte, musste er nach einigen gescheiterten Probetrainings aufgeben. Ohnehin hatte es den Anschein, dass der nur mäßig begabte Fußballer Bolt eher Teil eines Werbegag war, als dass er ernsthaft die zweite Karriere anstrebte. Mit seinen 32 Jahren genießt Bolt – schon zu aktiver Zeit ein echter Partylöwe – nun sein Leben nach dem Sport: “Ich kann endlich trinken und essen, was ich will. Und ich muss nicht mehr darauf achten, früh ins Bett zu gehen.”

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